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Das italienische Wolfsburg


Die Stadt wird das “Italien des Nordens” genannt

Von Wulf-Peter Gallasch

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Eine Straße heißt auch nach Meister Goethe. Vielleicht, weil er mal in Italien war und darüber auch manche Aufzeichnung hinterließ. Wir sind in Burgo del Lupo, einer italienischen Stadt, obwohl die Straßen und Häuser dort sehr funktionell gebaut worden sind. Also eher untypisch für Italien. Nun, auch wenn bei Burgo del Lupo nicht jedermanns Groschen fällt, vom dortigen Fußballverein, dem VfL Burgo del Lupo, hat er sicherlich schon gehört. Von einem Auto, welches aus dieser Stadt kommt, auch: dem Lupo.
Zu einer typisch italienischen Innenstadt gehört eine Piazza. Drum herum Bars, Restaurants, ein Weinhändler, ein Friseur und vielleicht noch ein Kulturzentrum.
Bella Italia. Gleich neben der Piazza steht die Kirche. Den Geistlichen kennen natürlich alle Italiener dieser Stadt kennen, so wie den Politiker der Linken. Der sitzt im Rathaus, natürlich gleich gegenüber der Kirche.

Die typisch italienische Stadt hat selbstredend eine gute italienische Küche und – wir kennen es – eine Boccia Bahn, für die älteren Italiener dieser Stadt.
Alles das hat die italienische Stadt, wie wir sie kennen. Unsere italienische Stadt liegt verdammt weit nördlich.

Unsere, für Italien eigentlich eher untypische Stadt, wartet gar mit einer großen, überdachten, Doppel-Bocciabahn auf. Hier also gibt es sie, die bekannten Don Camillo und Peppone.

“Das sind zwei Hochhäuser, soll darstellen Don Camillo und Peppone. Warum, das weiß ich nicht, wahrscheinlich weil, da haben viel Italiener gewohnt und deshalb Don Camillo und Peppone. Von denen kommt Don Camillo und Peppone.”

Armando Gobatto ist, unüberhörbar Italiener und kommt aus dem Stadtteil, in dem Don Camillo und Peppone stehen. Fast wie ein Wahrzeichen, gut sichtbar von der vierspurigen Einfallstraße, ragen die beiden Hochhäuser aus der Bungalowsiedlung im Süden der Stadt hervor. Über 20 Stock hoch das eine Hochhaus, direkt daneben das andere, halb so groß geraten. Beide passiert der Besucher von der Autobahn kommend als erstes. Er ist auf dem Weg in die Innenstadt, da, wo die Piazza ist. Dort kann er Armando Gobatto treffen. Seit über 40 Jahren lebt Gobatto, der Pensionär.

“Ja, das ist Piazza italia, das ist ein platz mit viele italienische Geschäfte. unter Piazza verstehen wir Italiener etwas anderes. Nämlich einen Ort, wo keine Autos vorbeifahren wie hier, wo man sich unterhält, wo man zu Fuß geht, spazieren geht und redet über Politik, über Fußball, über Frauen, das ist eine Piazza. Viele Autos, rauf und runter, ne, ne.”

Die Autos fahren hier schon immer lang. Fast könnte man sagen, dass Autos in der Stadt schon fuhren, noch bevor die Straßen, so wie hier, nach den berühmten deutschen Dichtern Schiller und Goethe benannt wurden. Das stört die Pizza an der Kreuzung nicht.

Aus Fahrbahnteilen wurde Bürgersteig, mit Bar- und Caféstühlen. Aus Parkbuchten wurden Stellplätze für Pflanzen. Ein Stück Italia, mit Kulturinstitut, Fahnenmast und grün-weiß-roter Flagge. In Italien, sagt Armando Gobbato, findet das Leben eben auf der Straße statt.
Gobatto und seine Freunde treffen sich allerdings lieber in der Bar Azzurri oder Bar del Sud, einem Stück älterer Geschichte dieser noch jungen Stadt.

“Ja, also ich werde ihnen jetzt einige Stellen zeigen, von la citta di, also la citta del lupo, il borgo del lupo, kommen sie mit, ich zeige Ihnen. Hier ist die Goethestraße, ja Goethe war eigentlich ein Dichter, der in Italien viel gereist ist und dann über Italien viel berichtet hat.”

Dieses Stück Italien hier, hat Goethe weder bereist noch je beschrieben. Er hätte das so weit nördlich gelegene Burgo del Lupo ohnehin nicht finden können.

“Also diese Stadt ist entstanden durch die arbeit von Italienern ’38. Und sie wurde von Italienern gebaut. Aber es hat diese Stadt kein italienischen Flair. Es ist richtig eine weite Stadt, die Straßen und die Häuser also sehr funktionell gebaut, also entspricht nicht, was wir Italiener unter Stadt verstehen. Aber er hat auch seine schöne Seite, also viel Wasser, viel Wald und viel Wild, wilde Tiere, ja, man hat hier Rehe gesehen, man sieht Wildschweine … “

Anders als sonst in Italien, sagt Armando Gobbato auf dem Weg zu einer der frühen Ansiedlungen dieser Stadt, respektieren die Menschen hier die Natur, niemand schießt Singvögel wie in dem anderen Norditalien, wo er aufgewachsen ist.

“Da werden sogar die Vögel erschossen und gegessen im Norden, mit Polenta.”

Wieder schmunzelt Gobbato so, wie vorhin auf der Piazza, als er über das richtige italienische Leben in dieser ungewöhnlich italienischen Stadt sprach. Das Stadtzentrum im Rücken, fällt der Blick auf die strahlende riesige Arena in der Nachmittagssonne. Glas, Stahl und Beton. Platz für 30.000 Gäste. Dort fing nach dem Krieg alles an. Dort, wo heute der Tempel steht. Fußball-Tempel nennt der Verein das Stadion. Vielleicht, weil Tempel oft auf vormals besonderen Stätten errichtet werden.

“Da waren hier 45 Baracken, also die waren Baracken zweistöckig in Holz und jede Baracke wohnten ungefähr 96 Menschen, drei pro Zimmer, ja stellen sich vor, es waren 16 Zimmer, 48 Menschen oben und 48 unten und da haben wir gewohnt …”

Armando Gobbatos Zeigefinger bleibt beim Freizeitpark für Wassersport stehen, also gleich neben de, Fußball-Tempel..

“Hier war das Lager, il campo italiano, und hier war Eingang, il campo, und wir waren direkt an der fabrica, wenn die Italiener sagte, wo arbeitest du, in fabrica, sagten wir damals, ’62, ’63, ja.”

Gobbato redet viel mit den Fingern. Der Zeigefinger ist weiter nach links gewandert, vorbei an dem Renaissanceschloss, das 1945 der Stadt den Namen gab, auf die Ostseite der Werksanlagen, das Osttor der Fabrica, auf der anderen Seite der Brücke, zwischen ehemaligem campo und Fabrik. Erst mit dem Stadionbau, 2002, verschwand die letzte Baracke. Einer der ersten Italiener von damals, ’62, steht neben Gobbato. Er heißt ‘l’emigrante’, hat einen Koffer in der Hand, ist aus Bronze und dreht der Fabrica den Rücken zu.

Ein Symbol, erklärt Gobbato.

“Wir sind tatsächlich so angekommen, mit so einem kleinen Koffer. Also ganz erschreckt, als man das Werk sah, also diese riesen-großen Hallen, man hat Panik gekriegt. Ich habe mich das erste Mal verlaufen in diesem Betrieb.”

Das Standbild ist eine Skulptur des Künstlers Quinto Provenziani. Er kommt aus dem deutschen Wolfsburg … der auch schon Anfang der 60er in diese Stadt ‘Burgo del Lupo’ lebt, ‘Wolfsburgo’ wie Italiener damals sagen und der in der Fabrica arbeitet, dem Volkswagenwerk.

Italienisches Leben, mit katholischer Messe, italienischem Kino und italienischem Essen, fand vor 45 Jahren meist noch hinter Zäunen statt, auf dem abgegrenzten Barackengelände.

“Wir waren unter Italienern. Tja, man lebte so wie in Italien auf der Piazza. Wir waren immer draußen hier.”

Gobbato streckt sein Kinn in Richtung Stadion. Fußballgeschichtlich betrachtet, liegt der Rasen des Erstligisten Vfl-Wolfsburg auf bedeutendem Terrain.

“Hier, gerade wo die Arena ist, war auch Spielplatz von lupo, lupo heißt auf Deutsch Wolf, ja, und dann hatten wir usere Mannschaft lupo genannt. War italienisch i.s.c. lupo. Italienische Sportclub lupo. Wurde dann gegründet 1962. ja.”

Lange Zeit der vermutlich nördlichste, rein italienische Fußballverein jenseits der Alpen.

Ein kleines Stadion am Waldrand im Norden der Stadt. Auch in der zweiten Halbzeit läuft es an diesem Wochenende überraschend gut, allerdings für die Gäste. Ehrenpräsident Armando Gobatto und Rocco Artale, bis vor kurzem 1. Vorsitzender, stehen am Spielfeldrand und verstehen die Welt nicht mehr: in ihrem Stadio!

“Also wir sind hier zuhause.”

Am Vereinsheim steht U.S.I. Lupo Martini, der Verein hat sich entwickelt, steht weit oben in der Tabelle der Bezirksoberliga. Aber die Zeiten, in denen Spiele gegen Lupo gleichzeitig Länderspiele Deutschland – Italien waren, sind längst vorbei.

“Ist ja auch heute eine multikulturelle Mannschaft. Hier spielen ja auch die Deutschen, da ist ja ein Tunesier dabei, es gibt ja schon anderen Spieler und das macht ja Sinn. Und außerdem die italienischen Spieler, die spielen auch mit den deutschen Mannschaft.”

Lupo Martini verlässt den Platz, mit hängenden Köpfen. Rocco Artale tröstet, Torwart und Trainer. Seit er für die Sozialdemokrzia im städtischen Stadtrat sitzt, einen Wahlkreis übernommen hat, bleibt wenig Zeit für Lupo Martini. Als Rocco Artale vor 45 Jahren aus den Abruzzen nach Wolfsburg kam, ging es den ungelernten Arbeitern zunächst einmal darum, das Leben erträglich zu machen, sagt er. Fußball war dabei hilfreich.

“Wir waren damals über die Gewerkschaften froh, die uns aufgenommen haben und wir haben für Ideen gekämpft um unsere Lebens- und Arbeitsbedingungen zu verbessern. Und wenn man dann aber die Bedingungen verbessert hat am Arbeitsplatz, dann müssen wir unsere Lebensbedingungen draußen verbessern.”

Dazu zählt die soziale Betreuung der ersten Generation Italiener in Wolfsburg. So in den Seniorenheimen, in denen italienische Lebensart oder wie es gelegentlich auch genannt wird ‘interkulturelle Konflikte’ noch Neuland sind. Im Centro Italiano, einem der zentralen Treffpunkte italienischen Lebens, findet für Senioren jedenfalls viel von dem statt, was Rocco Artale mit den besseren Lebensbedingungen draußen meint.

“Wenn man hierher kommt, um Boccia zu spielen, dann muss man schon alles erledigt haben zuhause, das heißt, wenn an Boccia betreibt dann darf man keine anderen Gedanken machen, weil das eben wie ein Mentalspiel ist.”

Treffen Giovanni Serras Boccia Grundregeln zu, dann hat Rocco Artale heute alles zuhause erledigt. Egal wie Giovanni die Boccia Kugeln wirft, sein Freund Rocco kommt näher an die kleine Kugel, den Pallino.

“Irgendwann kommt der Punkt, wo der Mensch älter wird, da muss man, solange man gesundheitlich fähig ist, das man was mental auch mal was macht.”

Italienische Senioren spielen deshalb Boccia. Noch am Vormittag war auf beiden Bahnen ein Turnier.

Jetzt sitzen viele noch im Centro, spielen Karten, während das Restaurant in dem Fachwerkhaus sich langsam mit Gästen füllt.

“Heute kommen die deutschen hierher, das ist was uns verbindet das centro. Ein centro, das nur für Italiener ist, das ist ja nicht das wahre.”

Vergleichbar mit jungen Spielern der Mannschaft von Lupo Martini, sagt Rocco Artale:

“Heute Mittag hat man ja schon gesehen, die Atmosphöre der jugendlichen, hier ist das Bocciaspiel und nebenan spielen die älteren Leute Skat, auch ein Weg der Integration. Aber wichtig ist, alle italienischen Vereine sind hier im centro e.v. Läuft zurzeit eine Ausstellung, wir Senioren machen hier Feten, Bingo spielen, Ältere treffen sich, also wichtiger Stützpunkt für die Italiener, in dem sie auch ihre Italienität hier wieder finden.”

Die Kirche gehört dabei für Rocco Artale dazu.

“Wir sind hier katholisch und es ist gut, dass die katholische Kirche eine entsprechende Infrastruktur geschaffen hat und der Bischof in Hildesheim einen Piester eingestellt hat.”

Don Giuseppe Brollo ist dieser Priester. Seit 1988 in Wolfsburg, leitet er die Italienische Katholische Mission der St.Christopherus Kirche. Eine Diaspora in der Diaspora nennt er seine Gemeinde: Italienisch und Katholisch. Insofern ist seine italienische Messe zwar sehr untypisch, aber in der Regel gut besucht. Viele seiner Kollegen in Deutschland würden sich ein ähnliches Gemeindeleben wünschen. Trotzdem denkt Don Giuseppe an die Zukunft und die Integration.

“Unsere Arbeit ist durchaus nicht eine Nationalkirche zu bilden, es ist als eine Durchgang in die deutsche Gemeinde aber das ist ein langer Prozess, der braucht viel, viel Zeit. Aber Zeit ist für uns zu säen und dann vielleicht ist Erntedanktag in 15 Jahren.”

Dass italienisches Leben in Wolfsburg auf dem Weg dahin verloren gehen könnte, sieht Don Giuseppe jedoch nicht.

“Menschen, die versuchen zusammenzuleben, da ist für mich, ich betone diese Idealität, ein stück Italien. Wo hat eine menschliche Beziehung mit anderen, Deutsche Kroaten usw., dort lebt ein stück Italien.”

Die deutsch-italienische Grundschule in der Stadt mag dafür ein Beispiel sein, so, wie die deutsch-italienischen Kinderguppen, des St.Christopherus Hauses.

“In der bilingualen Gruppe, ist es tatsächlich so, dass es da ganz viel um Kulturgut geht, also dass viele italienische Lieder, Reime, Theaterstücke eingeübt werden, Bücher, typische italienische Geschichten, und das kriegen dann ja beide Gruppen mit, also die deutschen und die italienischen Kinder.”

Maria Fancello, Erzieherin der St.Christopherus Kindertagesstätte, ist eine zugezogenen, eine Italienerin der zweiten Generation, ihr elfjähriger Sohn besucht die bilinguale Schule, damit er seine Wurzeln nicht verliert, sagt Maria Fancello.

“Ich glaube, das geht vielen italienischen Eltern so, ansonsten fällt es total auseinander, das Italienisch unserer Kinder ist ja dann auch gar nicht mehr ganz so gut, wie vielleicht noch meins, was noch passabel ist, finde ich. Und das unserer Kinder, das baut ein wenig ab. Und wir haben viele Kinder, von Eltern meiner Generation, die gar kein Italienisch mehr sprechen.”

Aber im Moment findet man noch überall Italienisches, sagt sie und beginnt mit einer langen Aufzählung.

“Porschestraße ganz klar im Sommer, samstags trifft man auf dem Markt, wenn man dann so in der Nähe, öh des Standes ist, wo es das Pferdefleisch gibt, und da sind dann die ganzen Italiener, die Pferdefleisch kaufen, da kann man sich dann auch immer herrlichst aufhalten und erzählen. Und das centro italiano, also gerade so in den Sommermonaten, man sitzt draußen und trinkt Espresso, das erinnert mich total an Italien.”

Auf dem Weg zurück an die Piazza Italia, vorbei an Kirche und Rathaus, führt der Weg über den Wochenmarkt. Heute stehen nur zwei italienische Gemüsehändler und die Fahnenmaste der italienischen Konsularvertretung. Es ist kühl und grau, kein Italienwetter, auch nicht auf der Piazza Italia.

Aber. ‘Ein Stückchen Italien im wahrsten Sinne’, findet Marlies Ottimofiori vom Italienischen Kulturinstitut ‘ist natürlich das Institut’. Italienisches könne man aber in der ganzen Stadt finden, sagt sie und wir nicken bestätigend mit dem Kopf. Und sie berichtet von der Industrie- und Handelskammer, die vor ein paar Jahren knapp 150 italienische Betriebe in Wolfsburg aufgelistet habe. Vorneweg natürlich Restaurants und Friseure. Ihr Mann Martino habe kürzlich von der Autostadt erzählt. Eine riesige Piazza. Im Winter ideal für Italiener.

“Wissen sie, was ich hoffe, dass diese Integration nie zu einer Assimilation wird. Ich denke, diese Gefahr gibt es auch nicht in Wolfsburg. hier ist so viel Italienisches übernommen worden und es spielt so eine große Rolle, dass am Ende es die Deutschen sind, die diese italienische Teilidentität aufrechterhalten wollen, denke ich mal. Während es die Italiener selbst vielleicht gar nicht so sehen. Die sind junge Italiener, die sind hier geboren, aber die empfinden sich nicht mehr so als Italiener wie mein Mann beispielsweise. Aber ich denke den Deutschen ist das mittlerweile so wichtig, dieser italienische Teil, diese italienische Mentalität der Stadt, dass sie sich darum bemühen, das aufrechtzuerhalten.”

Quelle: dradio.de

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