Gastarbeiter-Fußballklub


“VW fand gut, dass wir nicht den deutschen Frauen hinterherliefen”

Sie schliefen in Baracken und gründeten vor 50 Jahren den ersten Gastarbeiter-Fußballklub Deutschlands. Wie tausende Italiener in Wolfsburg arbeiteten und Tore schossen.

Rocco Lochiatto, erster Vorsitzender des ältesten Gastarbeiterfußballvereins Deutschlands, hat dieses Foto seiner U.S.I. Lupo-Martini-Mannschaft in seinem Archiv gefunden.

Rocco Lochiatto, erster Vorsitzender des ältesten Gastarbeiterfußballvereins Deutschlands, hat dieses Foto seiner U.S.I. Lupo-Martini-Mannschaft in seinem Archiv gefunden.

Armando Gobbato ist vor 73 Jahren in einem Dorf in der Gegend von Bergamo geboren. Er war einer der ersten “Gastarbeiter” in Wolfsburg. Als er ankam, sah er aus wie die Skulptur L’Emigrante von Quinto Provenziani auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Wolfsburger Bahnhof: kleiner Koffer, kleiner Mann, Anzug. In Gobbatos Koffer waren “ein paar Hosen, ein paar Hemden, ein Pyjama”.

Wir sitzen unter einem großen Foto von Andrea Barzagli, der für den VfL Wolfsburg gespielt hat, und jetzt für Juventus Turin. Er war mal hier zu Gast, bei der U.S.I. Lupo-Martini Wolfsburg, dem ältesten Gastarbeiterklub Deutschlands. Feiert dieses Jahr fünfzigsten Geburtstag. Luca Toni war auch mal da, und Cristian Zaccardo, einer der Spieler, die Trainer Felix Magath auf dem Gewissen hätte, hätte er eins.

Irgendwann waren 6.500 Italiener in Wolfsburg, und in den siebziger Jahren über 10.000. Die Zahl der Baracken wuchs. Im Jahr 1962 wurde der Fußballclub I.S.C.-Lupo gegründet, in den Baracken. Jede Baracke hatte eine Mannschaft, die gegen eine andere Baracken-Mannschaft spielte. Untereinander eine Meisterschaft, gegen deutsche Clubs nur Freundschaftsspiele. In deutschen Amateur-Mannschaften war nur ein Ausländer erlaubt.

Dann wurde die Satzung des Niedersächsischen Fußballverbands geändert, und in niederen Klassen durften elf Ausländer spielen. 1970 wurde die U.S.-Martini gegründet, ein zweiter italienischer Verein; 1981 fusionierten beide zu Lupo Martini, heute ein reiner Fußballklub mit 500 Mitgliedern und zwei Boccia-Bahnen für die Alten. Als Oberligist ist man, nach dem VfL, die zweite Kraft im Wolfsburger Fußball.

Gobbato ist 1963 bei Lupo eingetreten. Da er etwas Deutsch konnte, musste er immer, wenn es Streit gab, in Gifhorn beim Verband antanzen. “Ich war ständig in Gifhorn”, sagt er. Zu den Heimspielen kamen 1.000 Zuschauer, zu den Auswärtsspielen 500, Eintritt 50 Pfennig. “Es gab doch nichts anderes als Fußball”, sagt Gobbato. VW förderte den Fußball, weil “sie es gut fanden, wenn wir dem Ball und nicht den deutschen Frauen hinterherliefen”, sagt Gobbato und lacht.

Das mit den Frauen war so: In den Baracken lebten auch Frauen, “aber die italienischen Väter und Brüder haben auf ihre Töchter und Schwestern so aufgepasst wie zu Hause”, sagt Gobbato und er muss so lachen, dass sich in seinen Augen das Wasser sammelt. “Wissen Sie”, sagt er, “wir sind dann zu den Schützenfesten gegangen, und da guckten uns die deutschen Frauen nicht an. Bis Mitternacht. Um Mitternacht waren die deutschen Männer breit und dann haben die deutschen Frauen mit uns getanzt. Eine Frau im Arm, das war schön”, sagt Gobbato.

Die Porschestraße war die Straße der Italiener. “Die sind wir hoch und runter gegangen”, sagt Gobbato, “und wir waren besser angezogen als die Deutschen”, sagt Lochiatto. Die Deutschen haben sich gefragt: “Was laufen die Verrückten die Straße hoch und runter? Was machen die da? Was soll das?”, sagt Lochiatto.

Samstags um 20 Uhr saßen alle Italiener im Kino Imperial und haben Filme in italienischer Sprache angeguckt: Vittorio de Sica, Luchino Visconti und natürlich Don Camillo e Peppone. Das Vorbild für Giovannino Guareschis Figur Don Camillo, der katholische Priester Don Camillo Valota, war Partisan und Gefangener der Konzentrationslager Dachau und Mauthausen.

Irgendwann gab es den ersten italienischen Schiedsrichter. In den siebziger Jahren kickten Deutsche, Spanier und Portugiesen für Lupo. Im Vorstand saß ein italienischer Arzt, der in den Baracken eine Praxis hatte, ein Priester, der in den Baracken die Messe las, und ein Deutscher.

Irgendwann haben die Italiener Wohnungen gesucht, weil sie genug von den Baracken hatten. Das war schwer. “Auch für die Deutschen”, sagt Lochiatto. Er ist aus Kalabrien, hat zwei Jahre in Mailand gearbeitet bevor er nach Wolfsburg kam. “Ich bin nach Deutschland gegangen, weil ich nicht 24 Monate zum italienischen Militär wollte”, sagt er. Bei Volkswagen in der Lackiererei haben nur Italiener gearbeitet, der Meister und der Vorarbeiter waren Deutsche. “Wir haben uns wohlgefühlt”, sagt er.

Die Vorstellung, dass es sich bei den Italienern in Wolfsburg um Gastarbeiter handelt, stellte sich spätestens 1978 als Irrtum heraus. Da waren schon ein paar Konjunktureinbrüche, die Ölkrise und manches andere überstanden. “Da haben die Italiener ihre Familien nachgeholt, darauf waren weder VW noch Wolfsburg vorbereitet”, sagt Lochiatto. Heute leben etwa 6.500 Italiener in Wolfsburg. Wenn die beiden so auf den Teil der italienischen Geschichte Wolfsburg zurück gucken, den sie überblicken können, sagt Lochiatto: “Wir haben es hier gut erwischt.”

Quelle: Zeit online

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